Seekühe

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(Weitergeleitet von Sirenen)
Seekühe
Dugong (Dugong dugon)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Seekühe
Wissenschaftlicher Name
Sirenia
Illiger, 1811

Seekühe (Sirenia) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Unterklasse der Lebendgebärenden Säugetiere (Theria). Es werden in 2 Familien und 2 Gattungen 4 Arten geführt. Eine fünfte Art, die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas), wurde um das Jahr 1768 herum von Pelztierjägern ausgerottet.

Die Seekühe gehören zusammen mit den Röhrenzähnern, den Rüsselspringern, den Schliefern (Hyracoidea), den Rüsseltieren (Proboscidea) und den Tenrekartigen (Afrosoricida) zur Überordnung der Afrotheria. Aufgrund ihrer trägen Bewegungen erinnern Seekühe an Meerjungfrauen (Sirenen). Davon abgeleitet stammt die wissenschaftliche Bezeichnung der Ordnung Sirenia.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Seekühe gehören zu einer sehr alten Säugergruppe. Sie stammen von Landsäugetieren ab, die im Paläozän vor etwa 60 Millionen Jahren lebten und seichte Sumpfgebiete besiedelten. Im Laufe der Evolution passten sich diese Pflanzenfresser an das Leben im Wasser immer mehr an. Vor 55 bis 34 Millionen Jahren, im frühen Eozän, besiedelten die Vorgänger der Seekühe, die Potamosiren, weite Teile der seichten Küstengewässer des westlichen Atlantik und der Karibik. Im Oligozän vor 34 bis 24 Millionen Jahren erfolgte eine massive Abkühlung. Im Zuge dessen zogen sich Protosirenen immer mehr in Seegraswiesen zurück. Rundschwanzseekühe (Trichechidae) tauchten erst sehr spät im Laufe des Miozän auf. Zu den Vertretern des Miozän gehört beispielsweise Sirenotherium. Die Gattung lebte vor den Küsten Brasiliens. Das Zeitalter des Miozän war durch ein warmes Klima geprägt, in dem Süßwasserpflanzen reichhaltig in den küstennahen Flüssen wuchsen. Da die Süßwasserpflanzen reich an Kieselerde waren und die Zähne stark abnutzten, passten sich die Manatis an, indem ihre Zähne ein Leben lang "revolverartig" nachwuchsen. Gegen Ende des Miozän oder zu Begionn des Pleistozän lebte Ribodon.
Amazonas-Manati (Trichechus inunguis)
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Amazonas-Manati (Trichechus inunguis)
Fossile Funde dieser Gattung stammen von den Küsten Argentiniens. Später ordnete man die Funde der Gattung Trichechus zu. Die nächsten rezenten Verwandten sind die Elefanten (Elephantidae).

Beschreibung

Aussehen und Anatomie

Seekühe sind zwar Pflanzenfresser, jedoch keine Wiederkäuer. Daher ist der Magen der Seekühe nicht in mehreren Kammern unterteilt. Die Därme sind mit bis zu 45 Metern (bei den Trichechus) hingegen extrem lang, wobei sich zwischen dem Dickdarm und dem Dünndarm ein Caecum (Blinddarm) mit 2 Blindsäcken befindet. Im Caecum wird die nährstoffarme Zellulose durch Mikroorganismen aufgeschlossen. Es verwundert aufgrund der nährstoffarmen Nahrung nicht, dass Seekühe zwischen 8 und 15 Prozent ihres Körpergewichtes pro Tag an Nahrung zu sich nehmen. Auf der anderen Seite gehen Seekühe sehr sparsam mit ihrer Energie um. Der Grundumsatz entspricht nur etwa einem Drittel von einem Säuger in vergleichbarer Größe. In tropischen Gewässern ist der Grundumsatz noch niedriger, da kaum Energie für die Thermoregulation aufgewandt werden muss. Vor allem Rundschwanzseekühe weisen eine typische Seekuhgestalt auf. Sie unterscheiden sich von den Gabelschwanzseekühen durch ihren rundlichen Schwanz. Die rezenten Arten erreichen artabhängig eine Körperlänge von 230 bis 450 Zentimeter und ein Gewicht von 200 bis über 900 Kilogramm. Noch weit größer wurde die ausgestorbene Stellers Seekuh. Die genauen Maße und Gewichte der einzelnen Arten können der nachstehenden Tabelle entnommen werden. Seekühe weisen nur statt der bei Säugern üblichen 7 Halswirbel nur 6 Wirbel auf. Dies ist in der Klasse der Säuger einmalig. Im Bereich des Maules zeigen sich harte Borsten. Die Lippen bilden zwei kräftige Greifwerkzeuge. Sie dienen zum Erfassen und Abzupfen von Wasserpflanzen.

Weniger gut an das Leben im Wasser sind die Augen der Seekühe angepasst. Das Gehör ist hingegen sehr gut entwickelt und ermöglicht den Tieren vor allem das Hören hochfrequenter Töne. Niederfrequente Töne werden jedoch nur in begrenztem Umfang wahrgenommen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass niederfrequente Töne im Flachwasser nur bedingt leitfähig sind. Dies stellt für die Seekühe in der Nähe des Menschen ein großes Problem dar, da es sich bei den Motorgeräuschen der Boote um niederfrequente Akustik handelt. Da diese von den Seekühen nicht oder zu spät wahrgenommen werden, kommt es nicht selten zu Kollisionen. Die Zunge ist mit zahlreichen Geschmacksknospen versehen. Man geht davon aus, dass Seekühe damit die Genießbarkeit von Wasserpflanzen prüfen. Das Gehirn besitzt für die Auswertung des Geschmacksinnes separate Areale.
Afrikanischer Manati (Trichechus senegalensis)
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Afrikanischer Manati (Trichechus senegalensis)
Weit wichtiger als der Geschmackssinn ist jedoch der Tastsinn. Mit den beweglichen Lippen ertasten Seekühe ihre nähere Umgebung prüfend. Unter der Haut befindet sich eine dicke Fettschicht, der so genannte Blubber. Die dicksten Fettschichten sind ventral zu finden. Der Blubber dient insbesondere als Kälteschutz, wobei Seekühe in Gewässern mit einer Temperatur von weniger als 20 Grad Celsius nicht anzutreffen sind. In Zeiten geringer Nahrung dient der Blubber zudem als Energiespeicher. Je nach Art können Seekühe bis zu 6 Monaten fasten.

Das Gebiss der Seekühe aus der Familie der Gabelschwanzseekühe (Dugongidae) weist im hinteren Bereich nur wenige stiftartige Zähne auf. Die Geschlechter unterscheiden sich hierbei nicht. Anders sieht das bei Jungtieren aus: sie verfügen noch über Prämolaren, die jedoch gegen Ende des ersten Lebensjahres ausfallen. Ausgewachsene Bullen verfügen über Stoßzähne. Sie ragen unter der Oberlippe nach vorne. Die Funktion dieser Stoßzähne ist weitestgehend unklar. Man glaubt, dass sie beim Paarungsakt eine Rolle spielen. Bei den Rundschwanzseekühen (Trichechidae) wachsen ausgefallene Zähne der Kieferbereiche nach. Die Jungtiere dieser Familie besitzen bei der Geburt sowohl Prämolaren als auch Molaren. Sobald ein Kalb von der Muttermilch entwöhnt wird, setzt der mechanische Reiz des Kauens eine Vorwärtsbewegung der Zahnreihen in Gang. Jeder neue Zahn, der im hinteren Kieferbereich nachwächst, schiebt vorne einen Zahn heraus. Dies ist nur bei den Rundschwanzseekühen der Fall. Die mittleren Tauchzeiten der Seekühe liegen zwischen 40 und 400 Sekunden.

Maße und Gewicht

Werte in Klammern beziehen sich auf Durchschnittswerte.

Deutscher Name Wissenschaftliche Bezeichnung Körperlänge Gewicht
Dugong Dugong dugon 240 bis 406 cm 203 bis 1.016 kg
Karibik-Manati Trichechus manatus 250 - 450 (400) cm 200 - 600 (500) kg
Afrikanischer Manati Trichechus senegalensis 300 bis 400 cm bis 500 kg
Amazonas-Manati Trichechus inunguis 230 - 280 cm 360 - 500 kg
Stellers Seekuh Hydrodamalis gigas bis 788 cm 4.000 - 9.500 kg

Lebensweise

Seekühe bewegen sich sehr langsam und bedächtig durch ihren Lebensraum. Dennoch sind sie auch zu raschen Bewegungen in der Lage. Die Tiere kommunizieren zwar über Laute, dennoch besitzen Sehkühe keine Stimmbänder. Ihre Laute sind meist ein Gurren, Zwitschern, Trillern, Pfeifen oder Zirpen. Es ist jedoch unbekannt wie Seekühle diese Laute ohne Stimmbänder produzieren. Die Rundschwanzseekühe leben überwiegend im Süßwasser, seltener auch im Brackwasser. Der Dugong, der zu den Gabelschwanzseekühen gehört, lebt hingegen ausschließlich im Salzwasser. Er lebt als einziger Pflanzenfresser unter den Säugetieren im Meer. Je nach Verbreitungsgebiet und Art kommt es in der kalten Jahrszeit zu weiten Wanderungen in wärmere Gewässer. Dies ist insbesondere beim Dugong der Fall. Seekühe leben einzelgängerisch, seltener auch in kleinen losen Gruppen. Dugons sind deutlich häufiger als Manatis in Gruppen von bis zu 12 Tieren zu beobachten. Auf großen Seegraswiesen kann es während der Nahrungsaufnahme zu größeren Ansammlungen kommen. Die Streifreviere der Seekühe weisen meist eine Größe von einigen Dutzend Quadratkilometern auf.

Typischer Lebensraum der Karibik-Manati (Trichechus manatus)
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Typischer Lebensraum der Karibik-Manati (Trichechus manatus)

Verbreitung

Die vier rezenten Arten der Seekühe kommen in Amerika, Afrika, Asien und Australien vor. Der Karibik-Manati (Trichechus manatus) in Florida, weiten Teilen der Karibik sowie entlang der Atlantikküste von Brasilien. Afrikanische Manatis (Trichechus senegalensis) kommen im westlichen Afrika vom Senegal bis nach Angola vor. Der Amazonas-Manati (Trichechus inunguis) ist im Amazonasbecken und den angeschlossenen Überflutungsgebieten zu Hause. Im südwestlichen Pazifik kommt der Dugong (Dugong dugon) von Neukaledonien, dem westlichen Mikronesien und den Philippinen bis nach Taiwan, Indonesien, Neuguinea bis zu den Küsten Australiens vor. Der indische Ozean wird von dieser Art von Australien über Sri Lanka bis zur ostafrikanischen Küste besiedelt. Die Tiere leben je nach Art in flachen Küstengewässern, in Flüssen, Überschwemmungsgebieten oder in Mündungsdelta. Es wird also Süßwasser sowie Brack- und Salzwasser besiedelt. Amazonas-Manatis kommen ausschließlich im Süßwasser vor. Salziges Waaser vertragen sie nicht.

Prädatoren

Seekühe, die in Süßgewässern leben, haben keine oder nur wenige natürliche Feinde. Beim Dugon, der im Meer lebt, sieht dies schon anders aus. Dugons werden nicht selten von Haien (Galeomorphii) und anderen küstennahen Räubern gerissen.

Ernährung

Die bevorzugte Nahrung schwankt je nach Art, Verbreitungsgebiet und Lebensraum. Amazonas-Manatis ernähren sich beispielsweise von Froschbissgewächsen (Hydrocharitaceae), Hornkraut (Ceratophyllum), Meersalat (Ulva lactuca), Wassersalat (Pistia stratiotes), Tausendblatt (Myriophyllum) und Wasserschläuche (Utricularia). Afrikanische Manatis fressen bevorzugt Froschlöffelartige Gewächse (Alismatales), Vogelknöteriche (Polygonum) und Rhizophoragewächse (Rhizophoraceae). Der Karibik-Manati frisst insbesondere verschiedene Gewächse der Blaualgengattung Lyngbya und verschiedene Seegräser (Zostera). Auf der Speisekarte des Dugongs stehen vor allem Laichkrautgewächse (Potamogetonaceae) und Froschbissgewächse (Hydrocharitaceae) sowie maritime Blütenpflanzen. In ihren Lebensräumen, insbesondere auf den Seegraswiesen, haben Seekühe so gut wie keine Nahrungskonkurrenten.
Ausgestorben: die Dugong (Dugong dugon)
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Ausgestorben: die Dugong (Dugong dugon)
Eine Aufteilung der Ressourcen ist daher nicht notwendig. Die einzigen anderen Tiere, die sich gelegentlich in den Seegraswiesen nach Nahrung umschauen, sind Seeschildkröten. Auf Nahrungssuche gehen Seekühe überlicherweise in Tiefen von 3 bis 6 Metern. Nachgewiesen ist eine maximale Tauchtiefe von etwa 23 Metern.

Fortpflanzung

Je nach Geschlecht erreichen Seekühe die Geschlechtsreife zu unterschiedlichen Zeiten. Weibchen sind meist mit 4 bis 5 Jahren geschlechtsreif. Männchen erreichen die Geschlechtsreife meist erst mit rund 7 bis 9 Jahren. Während der Paarungszeit kommt es unter den Bullen zu harmlosen Raufereien um das Paarungsrecht mit den Weibchen. Nicht selten wird eine Kuh von 6 bis 8 Bullen umworben. Seekühe leben polygam, da sich Weibchen von mehreren Männchen begatten lassen. In den tropischen Gewässern erstreckt sich die Paarungszeit über das ganze Jahr, jedoch treten die meisten Geburten im Frühjahr auf. Eine Kuh bringt nur alle drei bis vier Jahre Nachwuchs zur Welt. Dies stellt eine sehr niedrige Reproduktionsrate dar. Nach einer Tragezeit von 12 bis 13 Monaten bringt eine Kuh ein Kalb zur Welt. Zwillingsgeburten sind sehr selten, sind aber bereits dokumentiert. Das Kalb weist eine Länge von 70 bis 105 Zentimeter sowie ein Gewicht von bis zu 10 bis 20 Kilogramm auf. Unmittelbar nach der Geburt drückt die Mutter ihr Junges an die Wasseroberfläche, damit es atmen kann. Die Zitzen liegen unterhalb der Brustflossen. Das Jungtier reitet meist auf dem Rücken der Mutter. Ab dem dritten oder vierten Lebensmonat nehmen die Jungtiere zusätzlich zur Muttermilch auch schon feste Nahrung zu sich. Die Säugezeit erstreckt sich in der Regel über bis zu 18 Monaten. Der Säugevorgang erfolgt unter Wasser. Die enge Bindung zwischen Kuh und Kalb ist die einzige soziale Bindung die Seekühe kennen. Ein Kalb bleibt meist zwei Jahre bei der Mutter. Die Lebenserwartung in Gefangenschaft liegt bei 30 (Manatis) bis 60 (Dugongs) Jahren. In Freiheit wird solch ein hohes Alter jedoch nur selten erreicht.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Alle vier rezenten Sehkuharten gelten heute als gefährdet und werden in der Roten Liste der IUCN als solches (VU, Vulnerable) geführt. Das Washingtoner Artenschutzabkommen stellt Seekühe in Anhang I unter weltweitem Schutz. Ein Handel mit Tieren und Produkten aus den Tieren ist somit verboten. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes stellt der Mensch den Tieren nach. Begehrt sind insbesondere das Fleisch, das Öl und die Haut, die zu Leder verarbeitet wird. Seekühe sind für Wilderer und Jäger eine leichte Beute, da sie sich langsam bewegen und kaum eine Scheu dem Menschen gegenüber zeigen. Aber auch die allgemeine Umweltverschmutzung, insbesondere die Verschmutzung der Flüsse, der Seen und der Küstengewässer stellen ein großes Problem dar. In dicht vom Menschen besiedelten Regionen kommt es zudem nicht selten zu Kollisionen mit Seekühen oder die Schrauben der Boote und Schiffe verletzten die Haut. Ein weiterer Gefährdungspunkt sind Fischernetze, in denen sich die Tiere verfangen können und so qualvoll ertrinken. In Regionen, wo im Zuge des Ökotourismus, Seekühe von Urlaubern beobachtet werden, kann es zu Störungen bei unsachgemäßer Handhabung kommen. In letzter Zeit treten auch Infektionen mit dem Staupevirus (Morbillivirus) vermehrt auf. Dieser Virus löst tödliche Infektionen aus oder schädigt das Immunsystem der Tiere.

Systematik der Seekühe

Ausgestorben: die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)
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Ausgestorben: die Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)

Ordnung: Seekühe (Sirenia)

Familie: Gabelschwanzseekühe (Dugongidae)
Gattung: Dugong
Art: Dugong (Dugong dugon)
Gattung: Hydrodamalis
Art: Stellers Seekuh (Hydrodamalis gigas)
Familie: Rundschwanzseekühe (Trichechidae)
Gattung: Trichechus
Art: Karibik-Manati (Trichechus manatus)
Art: Amazonas-Manati (Trichechus inunguis)
Art: Afrikanischer Manati (Trichechus senegalensis)

Anhang

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge