Riesengleiter

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Riesengleiter
Malaien-Gleitflieger (Cynocephalus variegatus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Riesengleiter
Wissenschaftlicher Name
Dermoptera
Illiger, 1811

Riesengleiter (Dermoptera) bilden innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia). Ihr Stellung innerhalb der Säugetiere gilt bis heute als umstritten. In der Ordnung werden heute in einer Familie und 2 Gattungen 2 rezente Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution uns Entwicklung

Die Vorfahren der Gleitflieger lassen sich bis ins späte Paläozän zurückverfolgen. Die ältesten Vertreter weisen somit ein Alter von 60 bis 70 Millionen Jahren auf. Insgesamt sind 4 fossile Familien bekannt. Dies sind Cyriacotheriidae, Mixodectidae, Plagiomenidae und Thylacaeluridae. Ein Vertreter der Plagiomenidae, der Planetetherium mirable, lebte in Nordamerika und starb wahrscheinlich schon im Eozän aus. In Eozän tauchen die ersten Gattungen in Asien auf. Hier ist vor allem Dermotherium zu nennen. Die Art konnte in Südostasien, insbesondere in Thailand nachgewiesen werden. Man geht davon aus, dass sich die Vorfahren der rezenten Riesengleiter vor rund 86 Millionen Jahren in der Kreide während der Blütezeit der Dinosaurier aus den Vorfahren der Spitzhörnchen (Scandentia) entwickelt haben. Ahnliches gilt auch für die Primaten (Primates), die sich vor 79,6 Millionen Jahren von der gleichen Gruppe abspalteten. Diese Erkenntnisse werden durch molekulargenetische Untersuchungen gestützt. Daher werden Riesengleiter (Dermoptera) und Primaten (Primates) als Primatomorpha zusammengefasst.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Riesengleiter erreichen je nach Art eine Körperlänge von 34 bis 42 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 17 bis 27 Zentimeter, eine Spannweite von rund 70 Zentimeter sowie ein Gewicht von 1.000 bis 1.750 Gramm. Die Geschlechter weisen weder in der Größe noch in der Fellfärbung einen nennenswerten Dimorphismus auf. Das dichte und wollige Fell ist je nach Art und Lebensraum sehr variabel gefärbt.
Malaien-Gleitflieger (Cynocephalus variegatus)
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Malaien-Gleitflieger (Cynocephalus variegatus)
Die Färbung reicht von graubraun über braun bis hin zu rötlichbraun. Dorsal und lateral können hellere Musterungen mit dunkler Umrandung zu erkennen sein. Ventral ist das Fell meist etwas heller, in der Regel hellbraun gefärbt. Das Fell der Philippinen-Gleitflieger ist insgesamt dunkler und weist weniger Flecken auf. Die Fellfärbung und die Fleckung stellen eine effektive Tarnung im Geäst der Bäume oder an Baumstämmen dar. Die kleinen und rundlich geformten Ohren sitzen weit hinten leicht seitlich am Schädel. Die Schnauze ist leicht länglich und endet stumpf. Die Augen sind ausgesprochen groß und sind ein Indiz für die Nachtaktivität der Riesengleiter. Mit den Augen können die Tiere stereoskopisch sehen, was eine punktgenaue Landung im Geäst ermöglicht.

Die Tiere sind so stark an das Leben in den Bäumen angepasst, so dass sie am Boden völlig hilflos wirken. Riesengleiter verfügen über etwa gleichlange Extremitäten, die in kräftige Krallen enden. Mit den Krallen können sich die Tiere im Geäst oder an Stämmen festhalten. Trotz der Flugembran sind Riesengleiter mit den krallenbewährten Fingern und Zehen sowie dem gegenständigen Daumen ausgezeichnete Kletterer. Die Krallen dienen auch als Putzinstrument für die Fellpflege. Markantes Merkmal ist die Flug- oder Gleitmembran, das so genannte Patagium. Das Patagium verläuft von den Seiten des Halses und setzt sich bis zur Schwanzspitze fort. Eine ähnliche Membran haben auch andere Tiergruppen wie die Gleithörnchen (Pteromyinae) aus der Familie der Hörnchen (Sciuridae) und die Gleitbeutler (Petauridae) aus der Unterklasse der Beutelsäuger (Metatheria). Mit beiden Tiergruppen sind die Riesengleiter nicht verwandt. Die Ähnlichkeiten lassen sich mit der konvergenten Evolution erklären. Die Flughaut ist zudem wesentlich größer als bei den zuvor genannten Tiergruppen. Sie befähigt die Riesengleiter zu kontrollierten Gleitflügen, die eine durchschnittliche Weite von etwa 70 Metern aufweisen. Gleitflüge von mehr als 130 Metern sind jedoch keine Seltenheit. Die Absprunghöhe spielt keine große Rolle, da Riesengleiter während eines Gleitfluges kaum an Höhe verlieren.

Das Gebiss der Riesengleiter ist hoch spezialisiert. Die Zähne weisen mit keiner anderen Säugergruppe eine Ähnlichkeit auf. Das Gebiss besteht aus 34 kleinen Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i2/3, c1/1, p2/2, m3/3. Interessanterweise zeigt sich im Oberkiefer im vorderen Bereich eine Lücke. Seitlich dieser Lücke stehen die Schneidezähne. Der zweite obere Schneidezahn verfügt über 2 Wurzeln. Dies ist ebenfalls einmalig in der Klasse der Säugetiere. Die 4 Schneidezähne im Unterkiefer weisen eine kammähnliche Form auf. Über einer Wurzel stehen jeweils bis zu 20 Zinken. Unklar ist auch heute noch die Funktion dieser kammähnlichen Form.

Lebensweise

Riesengleiter sind nachtaktive Regenwaldbewohner. Dies stellt eine Anpassung an die zahlreichen Fleischfresser dar, denn am Tage wären Riesengleiter vor allem für Greifvögel (Falconiformes) eine leichte Beute. Am Tage ruhen sie in Baumhöhlen oder an ähnlich geschützten Plätzen hoch oben in den Bäumen. Die Ruheplätze liegen für gewöhnlich in Höhen von 25 bis 50 Metern über den Erdboden. Mit Einbruch der Dämmerung werden die Tiere aktiv und gehen auf Nahrungssuche. In einer Nacht legen beispielsweise Philippinen-Gleitflieger zwischen 1.011 und 1.764 Meter zurück (Wischusen in Nowak, 1999. <2> ). Riesengleiter leben einzelgängerisch, eine soziale Interaktion findet nur zwischen einem Weibchen und ihrem Nachwuchs statt. Die Geschlechter treffen nu während der Paarungszeit aufeinander. Die Distanzen zwischen einzelnen Bäumen werden durch kurze Gleitflüge überwunden. Riesengleiter springen von einem Baumstamm ab und breiten zugleich ihre Arme und Beine aus.
Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans)
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Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans)
Dadurch spannt sich die dünne Membran zwischen den Extremitäten und ermöglicht die Gleitflüge. An Baumstämmen oder im Geäst bewegen sich die Tiere relativ unbeholfen, da sich die Membran störend auf die Fortbewegung auswirkt. Riesengleiter legen ein territoriales Verhalten an den Tag. Ihre Reviere umfassen zumeist eine Größe von 6,4 bis 13,4 Hektar. Trotz der Überlappung einzelner Reviere wird eine Konfrontation mit Artgenossen gemieden.

Verbreitung

Riesengleiter sind in Südostasien verbreitet. Der Philippinen-Gleitflieger ist auf einigen philippinischen Inseln endemisch. Zum Verbreitungsgebiet gehören die Inseln Dinagat, Siargao, Samar, Leyte, Bohol, Mindanao und Basilan. Malaien-Gleitflieger sind deutlich weiter verbreitet. Sie kommen von Indochina bis nach Java vor und sind vor allem in Brunei, Kambodscha, Indonesien, Malaysia, Myanmar, Dumatra und Borneo, Java, Tanintharyi (südlicher Verwaltungsbezirk von Myanmar), Thailand, Vietnam und zahlreichen umliegenden Inseln anzutreffen. Tropische Regenwälder und lichte Wälder sowie deren Ränder gehören zum natürlichen Lebensraum der Riesengleiter. Montane Regenwälder werden bevorzugt besiedelt. Die Tiere halten sich ausschließlich im Geäst der Bäume auf. Den Waldboden betreten sie in der Regel nie. In der Nähe des Menschen werden von Philippinen-Gleitflieger zu dessen Ärgernis auch Plantagen besiedelt. Je nach Verbreitungsgebiet werden sowohl Tiefland- als auch Bergregenwälder bewohnt.

Prädatoren

Prädator: der Affenadler (Pithecophaga jefferyi)
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Prädator: der Affenadler (Pithecophaga jefferyi)

Aufgrund ihrer nachtaktiven Lebensweise haben Riesengleiter nur wenige natürliche Feinde. Zu den ihnen gehört der Affenadler (Pithecophaga jefferyi), der auch unter den Synonym Philippinen-Adler bekannt ist. Schätzungen gehen davon aus, dass Riesengleiter bis zu 90 Prozent seiner Nahrung ausmachen. Da der Affenadler jedoch tagaktiv ist, kann man davon ausgehen, dass Riesengleiter häufig tagaktiver sind als bisher angenommen.

Ernährung

Riesengleiter sind reine Pflanzenfresser. Sie ernähren sich im Wesentlichen von Blättern, jungen Trieben, Blüten und Knospen. Zu einem kleineren Teil werden auch Früchte und Baumsäfte gefressen. Das Verdauungssystem hat sich optimal an die stark zellulosehaltige und wenig nahrhafte Nahrung angepasst. Der Magen verfügt über einen großen Verdauungsbereich nahe des Ausgangs zum Darmtrakt. Der Darm erreicht eine Länge von rund 400 Zentimeter. Mikroorganismen sind im Magen-/Darmtrakt bei der Verdauung behilflich. Wasser wird indirekt über die Nahrung oder in Form von Tau leckend vom Substrat aufgenommen. Beim Fressen ziehen die Tiere ein Büschel Blätter oder ähnliches mit den Vorderpfoten heran und zupfen mit der kräftigen Zunge und den unteren, kammförmigen Schneidezähnen einzelne Blätter oder Blüten ab.

Fortpflanzung

Riesengleiter erreichen die Geschlechtsreife im Alter von frühestens 18 Monaten. Man geht jedoch davon aus, dass es erst im Alter von 24 bis 30 Monaten zur ersten Paarung kommt. Dies macht auch Sinn, da Riesengleiter erst zu diesem Zeitpunkt voll ausgewachsen sind. Da die Geschlechter einzelgängerisch leben, treffen sie nur während der Paarungszeit aufeinander. Die Kopulation erfolgt durch Aufreiten, meist an einem Stamm hängend. Nach einer Tragezeit von etwa 60 Tagen bringt ein Weibchen an einer geschützten Stelle 1 bis 2 (1) Jungtiere zur Welt. Zwillingsgeburten sind dokumentiert, aber eher selten. Ein Jungtier weist ein Geburtsgewicht von rund 30 bis 36 Gramm auf und ist nur wenig entwickelt. Es wird von der Mutter in einer Falte der Flugmembran (Patagium), die sich nahe dem Schwanzansatz befindet, getragen und ist so geschützt. Die Säugezeit ist nicht bekannt, sie dürfte sich aber über 4 bis 6 Monate erstrecken. Über die Lebenserwartung in Freiheit ist nichts bekannt, in Gefangenschaft sollen Philippinen-Gleitflieger durchaus ein Alter von über 13 bis 15 oder mehr Jahren erreichen können. Das älteste in Gefangenschaft gehaltene Tier erreicht ein Alter von 17,5 Jahren.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In der Nähe von Obstplantagen sind Riesengleitflieger keine gern gesehenen Gäste. Sie verfolgt sie daher als Ernteschädling. Großen Schaden richten sie jedoch nicht an, da die Tiere selten in großen Anhäufungen zu beobachten sind. Die Tiere fallen besonders gerne in Bananen- und Kokosnussplantagen ein, wo sie es auf Blüten und Früchte abgesehen haben. Der Mensch stellt den Tieren jedoch auch wegen des Fleisches und der Haut nach, die zu Leder verarbeitet wird. Die Bejagung hat in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes bedrohliche Ausmaße angenommen und zieht mittlerweile negative Auswirkungen auf die Bestandszahlen nach sich. Neben der Bejagung spielt auch die Vernichtung der natürlichen Lebensräume eine große Rolle. Die tropischen Regenwälder werden zum einem wegen des Tropenholzes und zum anderen wegen des Platzbedarfes der Plantagen gerodet. Der Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans) wird in der Roten Liste der IUCN mittlerweile als gefährdet geführt. Die zweite Art, der Malaien-Gleitflieger (Galeopterus variegatus) gilt noch nicht als gefährdet.

Systematik der Riesengleiter

Systematik nach Stafford in Wilson & Reeder, 2005. <1>

Anhang

Literatur und Quellen

'Persönliche Werkzeuge